Niederbeisheim

Zur Geschichte eines Rittergutes in Niederhessen

Das Rittergut Niederbeisheim, im Dorf nur „der Hof" genannt, gehört zu den ältesten Gütern in Niederhessen. Der Verfasser verbrachte fast alle Schulferien auf dem Gut seines mütterlichen Großvaters Zickendraht in Niederbeisheim beim Homberg a. d. Efze. Als seine Familie nach der Ausbombung in Darmstadt von 1944 bis 1954 ganz in Niederbeisheim lebte, erforschte er die folgende Chronik.

Niederbeisheimer Hof 1850, Zeichnung von Hermann Nalop
12 · Niederbeisheimer Hof, 1850. Zeichnung von Hermann Nalop

Der Name Beisheim kommt von dem gleichlautenden Bach, die Beise, die vom Pommer durch ein reizvolles Tal herunterfließt und bei Beiseförth in die Fulda mündet. Sie bedeutet ursprünglich die Beißende = Schäumende und führt mitunter auch heute noch beträchtliches Hochwasser.

Der Ort Beisheim wird in der Homberger Schultheißenamtsrechnung von 1376 im Gegensatz zum 1295 erstmals erwähnten Oberbeisheim Niderbesheym genannt, wie er ja im Volksmund auch heute noch heißt. Er war schon damals Sitz eines Gerichts, wozu noch Obirnbeshym und die heutigen Wüstungen Gerwishagen und Gonnyngeshusen südwestlich von Ostheim gehörten.

Wappen der Familie v. Romrod
13 · Wappen der Familie v. Romrod
Luttersche Chronik, 1747

Urkundlich erscheint Beisheim um 800 in dem sogenannten „Breviarium sancti Lulli", dem alten Güterverzeichnis des Klosters Hersfeld, benannt nach dem hl. Lullus, der 769 die Abtei Hersfeld gründete und dort 786 starb. Es handelte sich dabei um Schenkungen Freier an das neugegründete Kloster Hersfeld. Der Ort ist aber eine ältere fränkische Siedlung, wie die Ortsnamen auf „heim" bezeugen.

Die uradelige Familie v. Beisheim ist von 1276 bis 1486 urkundlich belegt. 1338 war ihr Stammsitz aber bereits landgräflich und pfandweise den v. Falkenberg bei Homberg (Efze) zu Lehen gegeben, die auch die Gerichtsbarkeit und das Kirchenpatronat innehatten. 1347 ist in Niederbeisheim ein Burgmann Heinz v. Frielingen und später Johann v. Frielingen begütert. 1372 wird das Gut in den Rentmeister-Abrechnungen als landgräfliches Vorwerk bezeichnet.

Wappenstein MCVR 1652
14 · Wappenstein MCVR 1652
heute am Brunnen auf dem Hof

Im 15. Jahrhundert kam das Gut dann in den Besitz der Familie v. Besse. Mit ihnen beginnt die Geschichte des heutigen Gutshauses. Ein Wappenstein am Kellereingang unter der Verwalterstube trägt unter Verwendung der griechischen Buchstaben die Jahreszahl 1461. Wilhelm v. Besse war vermutlich der Erbauer dieses älteren Hauses, von dem nur noch die Kellergewölbe vorhanden sind. Sein Sohn Werner von Besse verkaufte 1517 sein „erblich Freigut" an Wilhelm v. Holzheim.

Im Jahre 1537 nennt das Homberger Salbuch den Gutshof noch unter der alten Bezeichnung „Landgräfliches Vorwerk" im Besitz der Erben v. Holzheim. Von den Holzheims, deren Stammhaus heute wüst in Fritzlar liegt, saßen in Niederbeisheim drei Generationen. Die Erbtochter Judith v. Holzheim brachte 1577 das Freigut durch Heirat an den Junker Hermann v. Romrod aus Holzheim bei Hersfeld.

Vorderseite des Gutshauses 1850
15 · Vorderseite des Gutshauses, 1850
Zeichnung von Hermann Nalop

Die Herren v. Romrod saßen von 1577 bis 1716 und damit am längsten von allen Besitzern in Niederbeisheim. Sie waren einst eine mächtige Adelsfamilie. Ihre alte Stammburg ist noch heute in dem gleichnamigen Ort bei Alsfeld zu sehen. Von 1296 bis 1344 waren sie Adelsmarschälle in Hessen. So erbaute Ende des 13. Jahrhunderts der hessische Marschall Heinrich v. Romrod die starke Burg Herzberg an der alten Heer- und Handelsstraße zwischen Alsfeld und Hersfeld. Durch Erbteilungen hatte die Familie aber schon früh ihre Macht verloren und saß damals nur noch in einer Nebenlinie in Holzheim, Niederbeisheim und Schrecksbach in der Schwalm, wo sie 1844 im Mannesstamm erloschen ist.²

Rückseite des Gutshauses 1860
16 · Rückseite des Gutshauses, 1860
Zeichnung von Hermann Nalop

Nach einem Bericht des Rentmeisters Helfferich zu Homberg vom 31.7.1647³ war im Jahr 1640 ihre „freye behaußung zue Niedernbeißheim, von den Holtzheim herrührent" abgebrannt, und „an itzo (1647) hadt der obrist Melchior Christoph (v. Romrod) eine neue wohnung uf seine wieße am rengsheußischen pfade aufrichten laßen". Nach der Überlieferung hatten plündernde Kroaten 1640 das alte, 1461 erbaute Gutshaus angesteckt und niedergebrannt. Der Fürstl. Hess. Obrist Melchior Christoph v. Romrod (1587–1661) baute also das heutige Gutshaus auf den Fundamenten des alten Hauses von 1647–1651 wieder auf. Es ist ein stattlicher Fachwerkbau mit dem sogenannten „hessischen Mann". An der Giebelseite befindet sich im Fachwerk eingeschnitzt das Romrodsche Wappen: in Gold eine zweitürmige schwarze Burg, freischwebend, mit dem Monogramm MCVR und der Jahreszahl 1647. Eine kupferne Wetterfahne auf dem Dach zeigt ebenfalls das Monogramm mit der Jahreszahl 1651.

Niederbeisheimer Hof seit 1859
17 · Niederbeisheimer Hof seit 1859
Zeichnung von Hermann Nalop

Ein Beweis dafür, daß für den Bau des Hauses mit seinen mächtigen Eichenbalken in der damaligen Zeit fünf Jahre benötigt wurden. Zugleich aber ein Meisterwerk damaliger Zimmermannskunst und ein Zeichen dafür, daß unsere Altväter nach dem Grauen und Schrecken des 30jährigen Krieges ihre verwüsteten Dörfer und Heimstätten alsbald wieder aufbauten. Es soll noch erwähnt werden, daß die Gefache vom Keller bis zum Dachgeschoß nur mit Feldsteinen gemauert sind.

Der am besten erhaltene Wappenstein der Romrods mit der Jahreszahl 1652 wurde ursprünglich als Ofenfußstein für einen Eisenofen gefertigt, der wohl in den Romrodschen Guthaus aufgestellt wurde. Er befindet sich heute an einem Brunnen auf dem Hof (früher am abgerissenen Schafstall).

Gutshof 1870/71, Aquarell
18 · Gutshof, 1870/71
Aquarell von Hermann Nalop

Auch die gegenüber gelegene große Eckscheune zeigte bis nach dem letzten Krieg eine Wetterfahne mit derselben Jahreszahl. Die heute noch vorhandenen Wirtschaftsgebäude wurden aber erst in den Jahren 1853/54 von dem damaligen Gutsbesitzer Nalop erbaut. Der Kuhstall ist 1908 entstanden, nachdem der alte Stall durch Selbstentzündung des Heubodens im Juli des gleichen Jahres abgebrannt war.

Von den Romrods sind im Kirchenbuch von Niederbeisheim (Beginn 1649) drei Generationen nachzuweisen. Im Jahre 1661 starb der „wohledle, strenge, veste und mannhafte" Obrist Melchior Christoph v. Romrod (vermählt mit Ursula v. d. Tann) im Alter von 74 Jahren und wurde am 14.11.1661 mit „großem Pomp" begraben. Da er kinderlos war, übernahm Niederbeisheim sein Neffe Junker Johann Kaspar v. Romrod aus Schrecksbach (1637–1683).

Gutshof Luftaufnahme 1957
20 · Gutshof, Luftaufnahme 1957

Die zahlreichen Hochzeits- und Taufgäste der Romrods vermitteln uns noch ein Bild von dem gesellschaftlichen Leben im damaligen Niederbeisheim. So erscheinen im Kirchenbuch, neben den Familien der Frauen v. Gilsa und v. Lüder, als Gevattern die Namen v. Scholley-Malsfeld, v. Baumbach-Binsförth, v. Buchenau, v. Nordeck-Melsungen und v. Löwenstein-Römersberg. Johann Kaspar v. Romrod vererbte Niederbeisheim seinem Sohn Wilhelm v. Romrod, geboren 1675 in Niederbeisheim.

Wilhelm v. Romrod verkaufte 1716 sein altes Erbgut an Herrn Christoph Heinrich v. Huyne (1682–1730).⁴ Er zog auf seinen Besitz in Hersfeld und erbte dann das Rittergut Schrecksbach, wo er 1758 starb.

Grabstein v. Huyn 1720
19 · Grabstein des Obristen v. Huyn, 1720
Kirche Niederbeisheim

Christoph Heinrich v. Huyne stammt aus der hessischen Linie des alten kurländischen Geschlechts v. Hoyningen genannt Huyne. Sein Vater Johann Jakob starb als hessischer Obrist in Niederbeisheim am 1.5.1720. An der äußeren linken Kirchenwand ist sein Grabstein erhalten.

HIER RUHET SELIG IN DEM HERRN
DER WOHLGEBOHRNE HERR IOHAN IACOB VON HUIJN
FURSTL HESSISCH-OBRISTER ZU FUES
GEBORN MDCLVII · GESTORBN MDCCXX

Theodor Niederquell beschreibt den Grabstein des Obristen Johann Jakob v. Huyn folgendermaßen: „Die Grabplatte mißt 108 cm in der Breite und 222 cm in der Länge. Die neunzeilige Inschrift befindet sich in einer von barockem Rankenwerk eingefaßten Kartusche im unteren Teil der Platte. Darüber sind um die ovalen Wappenschilde der Eltern des Verstorbenen eine Fülle von kriegerischen Ausstattungsstücken arrangiert."⁵

Beflaggtes Gutshaus 1872
21 · Beflaggtes Gutshaus, 1872
Kolorierte Zeichnung von Hermann Nalop

Christoph Heinrich v. Huyne wird begraben zu Niederbeisheim am 20.2.1730. Seine beiden Söhne wurden bekannte Generale. Der ältere Johann Christoph starb als Generalmajor in britischen Diensten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg am 25.7.1780 zu New York. Der jüngere Wilhelm Karl starb als hessischer Generalleutnant am 5.8.1795 auf seinem Gut in Niederbeisheim. Er wurde auf eigenen Wunsch „morgens gegen 5 Uhr in aller Stille begraben".

Kirche Niederbeisheim 1860
22 · Kirche Niederbeisheim, 1860
Ölgemälde Arends (1943 vernichtet)

Seine einzige Tochter Christiane v. Huyne heiratete 1785 den hessischen Dragoner-Leutnant v. Waldschmidt. Er entführte seine Braut gegen den Willen ihres Vaters, der zugleich sein Regiments-Kommandeur war, und wurde dafür vom Landgrafen mit Arrest bestraft. Der Rittermeister v. Waldschmidt übernahm 1795 Niederbeisheim und verkaufte 1812 das Gut an den Regierungs- und Medizinalrat Dr. Quentin aus Minden in Westfalen.⁶

Von da ab war das Rittergut in bürgerlichen Händen und wechselte wiederholt den Besitzer. Die Witwe Quentin verkaufte es 1835 an Georg Schmidt, einen Müller aus Caßdorf bei Homberg/Efze.

Hofeinfahrt Winter 1925
24 · Hofeinfahrt, Winter 1925

1850 kaufte es der Spiegelfabrikant Hermann Nalop aus Amsterdam in einer Größe von 411 Morgen zu einem Preis von 25.000 Talern. Dieser erneuerte den Hof in seiner heutigen Form; er ließ das Gutshaus renovieren und unter Putz legen, zog die große Steinmauer um den gesamten Hof und pflanzte die hohen Eichen vor dem Haus. Er legte auch den Park mit dem Karpfenteich „auf der Binge" an und ließ im wesentlichen die heutigen Wirtschaftsgebäude errichten. Er verkaufte das Gut im Jahre 1875 in einer Größe von 785 Morgen.

Gutshaus und Großeltern im Park 1920
23 · Gutshaus und Großeltern des Verfassers im Park, 1920

Auf Nalop folgte (bis 1898) Ernst Bodenbender, unter dem der alte Fachwerkkuhstall abbrannte und in der heutigen Form neu gebaut wurde. Seine Nachfolger waren kurze Zeit (1898–1901) Gebrüder Klöpp, die das Gut gleich wieder an Riebold verkauften – von dem es 1913 mein Großvater August Zickendraht kaufte.

Er war vorher 18 Jahre lang Rittergutspächter in Kirchberg bei Fritzlar. In Niederbeisheim war er auch viele Jahre Schiedsmann des Kirchspiels Niederbeisheim. Von 1913 bis 1961 war das Gut dann im Besitz der Familie Zickendraht, einer alten Hersfelder Kaufmanns- und Bürgermeister-Familie.⁷ 1961 wurde das Gut an das Land Hessen verkauft und ist heute eine hessische Staatsdomäne.

Gutshaus nach Freilegung des Fachwerks 1952
25 · Nach der Freilegung des Fachwerks, Vorderseite 1952

Das fast 350 Jahre alte Gutshaus im Dorf Niederbeisheim steht unter Denkmalschutz. Das Fachwerk wurde 1952 wieder freigelegt. Es ist heute im Besitz der Familie Jörg Dersch.

Gutshaus Rückseite nach Freilegung 1952
26 · Nach der Freilegung des Fachwerks, Rückseite 1952

Der Wappenschild der Familie v. Huene (heutige Schreibweise) zeigt: in Schwarz 3 silberne Ringe; auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein offener, je wie der Schild bezeichneter Flug.


Anmerkungen

  1. Dieser Beitrag ist die erweiterte Fassung des Aufsatzes „Das Rittergut Niederbeisheim", in Hessische Heimat, Jg. 7, H. 4 (1957/58), S. 25–27
  2. Hessische Familienkunde, Bd. 18 (1986), Sp. 5–18
  3. Staatsarchiv Marburg
  4. Hessische Familienkunde, Bd. 17 (1984), Sp. 1–6
  5. Theodor Niederquell: In: Geschichtsblätter für Waldeck, Bd. 52 (1960), S. 83
  6. Hessische Familienkunde, Bd. 20 (1991), Sp. 484
  7. Weitere Quellen im Staatsarchiv Marburg, Ortsrep. Niederbeisheim

Literatur

  • Staatsarchiv Marburg, Ortsrep. Niederbeisheim und Holzheim (bei Hersfeld)
  • Kirchenbuch Niederbeisheim (Beginn 1649), Pfarrarchiv ebd.
  • Heinrich Reimer, Historisches Ortslexikon für Kurhessen, Marburg 1926
  • Georg Dehio, Hb. der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, München 1966
  • Wolfgang Henry Sturt: Das Rittergut Niederbeisheim. In: Hersfelder Zeitung, 25.2.1966
  • Die Familie v. Huyn(e) u. v. Waldschmidt in Niederbeisheim. In: HFK, Bd. 17 (1984)
  • Die Herren v. Romrod in Niederbeisheim. In: HFK, Bd. 18 (1986)

Der Text stammt aus der Zeitschrift Hessische Heimat, Heft 1 / 1995, 45. Jahrgang, hrsg. von der Gesellschaft für Kultur- und Denkmalpflege, Hessischer Heimatbund e. V., Marburg.

Bildnachweise: Sammlung W. Sturt: 11–20, 22–26 · Original im Besitz von Familie Dr. H. Hildebrand, Frankfurt am Main: 21 · Foto A. Gilberg, Homberg/Efze: 19